Kapitel 3: ERINNERUNGSPOLITIK


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In diesem Kapitel ordnen wir die Iskra-Gedenkstätte in einen größeren Zusammenhang ein: Wie funktioniert Erinnerungspolitik – und was hatte die SED damit vor?

Wir schauen uns an, welche Geschichte die DDR erzählte, welche sie verschwieg, und wie Gedenkstätten dabei als Instrumente der Ideologie eingesetzt wurden.

Kuratorin Johanna Sänger erklärt, wie Authentizität inszeniert wird. Stefan Krikowski, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion e.V., und Dieter Dombrowski, Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, sprechen über den Roten Terror, über Paragraph 58 – und darüber, warum die Erinnerung an die Opfer kommunistischer Gewalt bis heute eine Leerstelle bleibt.

Das Kapitel endet mit einer Frage: Woran wollen wir eigentlich erinnern?


  • Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. C. H. Beck, München, 2013.
  • Mai, Klaus-Rüdiger: Der kurze Sommer der Freiheit – wie aus der DDR eine Diktatur wurde. Herder Verlag, Freiburg, 2023.

  • Blecher, Jens / Wiemers, Gerald (Hg.): Studentischer Widerstand an den mitteldeutschen Universitäten 1945–1955. Leipziger Universitätsverlag, 2005.
  • Foitzik, Jan / Hennig, Horst (Hg.): Begegnung in Workuta. Leipziger Universitätsverlag, 2003.
  • Poppe, Grit / Poppe, Niklas: Verschleppt, verbannt, verschwunden. Deutsche Kriegsjugend in Stalins Lagern und Gefängnissen. Mitteldeutscher Verlag, 2024.
  • Roginskij, A. u. a. (Hg.): „Erschossen in Moskau …“. Metropol Verlag, Berlin, 2008.
  • Wiemers, Gerald (Hg.): Der Aufstand. Zur Chronik des Generalstreiks 1953 in Workuta, Lager 10, Schacht 29. Leipziger Universitätsverlag, 2013.

Stand: August 2026


Die Namen

Im Hörstück werden Namen genannt, die heute kaum jemand kennt. Sie stehen für eine Generation junger Menschen, die sich in den frühen Jahren der DDR gegen die entstehende Diktatur stellten – und dafür mit Freiheit oder Leben bezahlten.

  • Herbert Belter (1929–1951): Volkswirtschaftsstudent an der Universität Leipzig, Kopf einer Gruppe demokratisch gesinnter Studenten. Im Oktober 1950 verhaftet, wurde er am 20. Januar 1951 von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und am 28. April 1951 in Moskau erschossen. Zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung erwartete seine Frau ein Kind. Er war 21 Jahre alt. 1994 wurde er posthum rehabilitiert.
  • Arno Esch (1928–1951): Jurastudent in Rostock, engagierte sich für eine pluralistische Parteilandschaft in der SBZ. Im Oktober 1949 verhaftet, wurde er 1950 von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und am 24. Juli 1951 in Moskau erschossen. Er war 23 Jahre alt.
  • Wolfgang Natonek (1919–1994): Studentenratsvorsitzender an der Universität Leipzig, aktiver LDP-Politiker und Gegner der SED. Im November 1948 verhaftet und zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. 1956 freigelassen, siedelte er in die Bundesrepublik über. Die Universität Leipzig verlieh ihm 1992 eine Ehrenprofessur.
  • Erwin und Charlotte Köhler: Mitgründer der CDU in Potsdam. Im März 1950 verhaftet und monatelang gefoltert, wurden beide wegen „Spionage und konterrevolutionärer Agitation“ zum Tode verurteilt und 1951 in Moskau hingerichtet. Ihre vier Kinder erfuhren erst Jahre später vom Schicksal ihrer Eltern.
  • Edeltraud Eckert (1930–1955): Pädagogikstudentin in Berlin, verteilte Flugblätter mit der Aufschrift „Für Freiheit und Demokratie“. Im Mai 1950 verhaftet und zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Sie starb 1955 an den Folgen eines Arbeitsunfalls im Zuchthaus Hoheneck. Sie war 25 Jahre alt.

Weitere Schicksale aus dieser Zeit dokumentiert Klaus-Rüdiger Mai in: Der kurze Sommer der Freiheit – wie aus der DDR eine Diktatur wurde. Herder Verlag, Freiburg, 2023.

Die Belter-Gruppe bestand aus zehn Männern – neun Studenten und einem Tischlergesellen –, die am 20. Januar 1951 gemeinsam vor einem sowjetischen Militärtribunal in Dresden verurteilt wurden.

Die Herbert-Belter-Dialoge wurden 2009 von drei Überlebenden der Belter-Gruppe initiiert: Werner Gumpel, Peter Eberle und Siegfried Jenkner. Seitdem wird der Herbert-Belter-Tag jährlich von der Universität Leipzig in Verbindung mit der Konrad-Adenauer-Stiftung begangen.


Titelbild: Verhüllung der Lenin-Statue am 14. Juni 2025 in Schwerin mit der Begründung: Allein in Schwerin wurden von 1950–1953 mindestens 108 Personen zum Tode verurteilt und im Moskauer Butyrka-Gefängnis hingerichtet. © Stefan Krikowski, Lagergemeinschaft Workuta