Hier anhören:

In diesem Kapitel schauen wir uns an, wer an der Russenstraße 48 lebte und arbeitete, bevor der Staat das Grundstück für die Iskra-Gedenkstätte beanspruchte.
Erich Niegel ist Tischler. Er hat nach Krieg und mehreren erzwungenen Umzügen 1951 endlich ein eigenes Grundstück erworben. Vier Jahre später muss er es aufgeben. Anhand von Bauanträgen, Ablehnungsbescheiden, Gerichtsprotokollen und internen SED-Akten lässt sich nachvollziehen, wie sich die Lage zwischen 1951 und 1955 zuspitzt – und wie ein privater Handwerksbetrieb zwischen den widersprüchlichen Anforderungen des sozialistischen Aufbaus und den erinnerungspolitischen Ambitionen der Partei gerät.
Ergänzt werden die Dokumente durch Gespräche mit noch lebenden Mitgliedern der Familie Niegel und Dr. Johanna Sänger.
- Gespräch mit Ursula Niegel (Schwägerin von Erich und Helene Niegel) und ihrer Tochter Änne Herrmann, 9. Juli 2025.
- Gespräch mit Marita Lausch (Enkelin von Erich und Helene Niegel), 13. Januar 2026.
- Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Kreisgericht Leipzig, Archivaliensignatur 1393, Bl. 7.
- Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, SED-Bezirksleitung Leipzig, Nr. IV/2/9/04/547, Bl. 265–266.
- Archiv des Amts für Bauordnung und Denkmalpflege Leipzig (Bauaktenarchiv), Bauakte Russenstraße 44/44A, Bl. 88, 96, 96a, 99, 102, 105, 109.
- Stadtarchiv Leipzig, Stadtgeschichtliches Museum, Karton 174 und 175.
- Der Neue Kurs: Nach Stalins Tod im März 1953 gerät die SED unter Druck, ihren bisherigen Kurs zu ändern. Mit dem „Neuen Kurs“ werden Anfang Juni 1953 Zwangsmaßnahmen gegen Bauern, Händler, Handwerker und die Intelligenz teilweise zurückgenommen. Zugleich soll die Versorgung mit Konsumgütern verbessert, die Rechtssicherheit gestärkt und eine Annäherung zwischen Ost- und Westdeutschland gefördert werden. Die Erhöhung der Arbeitsnormen bleibt jedoch bestehen und wird zum Auslöser des Aufstands vom 17. Juni.
- Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953: Aus Protest gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen beginnen Ost-Berliner Bauarbeiter am 16. Juni 1953 einen Streik. Die Proteste breiten sich rasch auf zahlreiche Städte der DDR aus und entwickeln sich zum Generalstreik und Volksaufstand. Neben wirtschaftlichen Forderungen werden zunehmend politische Veränderungen verlangt, darunter freie Wahlen, der Rücktritt der Regierung und die Freilassung politischer Gefangener. Die sowjetische Besatzungsmacht verhängt den Ausnahmezustand und schlägt den Aufstand mit Panzern nieder. Die SED bezeichnet ihn anschließend als „faschistischen Putschversuch“. Der 17. Juni wird damit zu einem entscheidenden Einschnitt in der Geschichte der DDR. Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Volksaufstands wird der „Neue Kurs“ grundsätzlich weitergeführt, während die SED zugleich ihre politische Kontrolle und Repression verstärkt.
Titelbild: Familie Niegel (ganz links: Erich und Helene Niegel), um 1980 – Foto: Privatarchiv Marita Lausch



Blick von der Russenstraße – selbe Perspektive wie oben, August 2026 – Foto: Diana Wesser
AUSZÜGE AUS DEN AKTEN

→ Bauakte Erich Niegel, 1951–1954 (Auszüge)
Archiv des Amts für Bauordnung und Denkmalpflege Leipzig (Bauaktenarchiv), Bauakte Russenstraße 44/44A. – Fotos: Falk Elstermann. Link öffnet in neuem Fenster.